Zur Erinnerung an Dr. med. Reinhold Engelskirchen
geboren am 21. September 1949, gestorben am 24. Oktober 2013

Rede gehalten anlässlich der Trauerfeier am 31. Oktober 2013

Wer ist ein guter Arzt? Sicherlich der, der das in Matthäus 22, Vers 39 von Christus formulierte, höchste Gebot in seinem ärztlichen Handeln beherzigt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Im Leitbild der Caritas und der Diakonie wird dieses Handeln nach Galater 6, Vers 2 so formuliert: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen."

Reinold Engelskirchen war ein solcher Arzt. Es gab für ihn im Wesentlichen 2 Gruppen von „Nächsten", von „Anderen": seine Familie und seine Patienten. Beide Gruppen hatten in seinem Herzen Platz, doch nicht selten überwogen dabei die Sorgen um die Patienten. Aber das ist immer so bei einem guten Arzt.

Den Kindern, genauer gesagt der Kinderchirurgie, hatte sich Herr Engelskirchen schon früh verschrieben. Nach seiner Approbation als Arzt 1978 in Köln, begann er seine medizinische Karriere bei meinem Vorgänger, Prof. Dieter Helbig, in der Kinderchirurgischen Klinik der Städtischen Kliniken Köln. Er hatte bei Herrn Helbig zuvor eine Doktorarbeit mit dem Thema: „Operative Behandlungsergebnisse bei angeborenen Dünndarmatresien" geschrieben und 1977 promoviert. Offenbar hatte er dabei einen so guten Eindruck hinterlassen, dass sein Doktorvater ihn unmittelbar nach der Approbation als Assistent einstellte. Das war eine sehr kluge Entscheidung von Herrn Helbig, von welcher die Klinik und später auch ich noch viele Jahre profitieren sollten.

Um Kinderchirurg zu werden, musste man damals jedoch zunächst den Facharzt für Chirurgie erwerben. Die Kinderchirurgie war nur ein Teilgebiet der Chirurgie. So verließ Herr Engelskirchen im April 1979 die „Amsterdamer Straße" wieder und arbeitete von 1979 bis 1983 an der „Chirurgischen Klinik des Kreiskrankenhauses Waldbröl", einem Lehrkrankenhaus der Universität Bonn, unter Prof. Pfisterer. Aber kaum hatte er 1983 den Facharzt für Chirurgie erworben, zog es ihn wieder in die Kinderchirurgie, zunächst nach Mainz, in die Kinderchirurgische Universitätsklinik unter Prof. Hofmann von Kap-herr, dann aber ab 1. Juli 1984 zurück in die Amsterdamer Straß?e, deren „guter Geist" er 23 Jahre lang, fast ununterbrochen blieb. Erst Ende Januar 2006, inzwischen war Prof. Thomas Boemers mein Nachfolger geworden, schied er aus, um die Leitung des Funktionsbereiches Kinderchirurgie der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Heinrich–Heine-Universität Düsseldorf zu übernehmen.

Neben Prof. Gharib und dem Anästhesisten Dr. Holzki war Herr Engelskirchen einer der Ecksteine der „Kinderchirurgischen Klinik Amsterdamer Straß?e", und ich war froh, als ich am 1. August1984 die Klinik von Herrn Prof. Dr. Helbig übernahm, einen so tüchtigen, interessierten und loyalen Mitarbeiter vorzufinden.

Reinold Engelskirchen war ein Arzt, von dem Sartre gesagt hätte: „Die Essenz geht der Existenz voraus". In ihm vereinten sich alle guten Eigenschaften, die ein erfolgreicher Arzt haben muss: ein hohes Maß an Selbstlosigkeit, eben Caritas, an Fleiß, Intelligenz, Selbstdisziplin und, was heute selten ist, an Mut, persönlich Verantwortung zu übernehmen. Er besaß die Neugier und das Pflichtgefühl, sich gerade dort, wo das medizinische Wissen an seine Grenzen stößt, weiter fortzubilden und hatte als Chirurg großes, manuelles Geschick.

Reinold Engelskirchen war mit der Kinderchirurgie und ihren Grenzgebieten bestens vertraut, aber ungelöste Probleme und schwierige Fragestellungen reizten ihn besonders. Sein Pflichtbewusstsein gegenüber den Patienten löste bei ihm geradezu einen Drang aus, alles erlernen zu wollen, was in der Kinderchirurgie neu und erlernbar war. Viele Kurse und Fortbildungsveranstaltungen hat er besucht, wissenschaftliche Kongresse und Tagungen an unserer Klinik mitorganisiert und an etwa 40 Vorträgen und Publikationen mitgewirkt. Er hat viele unserer 35 Gastärzte betreut, teils aus Gastfreundschaft, teils auch, um von ihren Operationstechniken etwas zu lernen. Als wir die Laserchirurgie in der Klinik einführten, war er der Erste, der Kurse in Berlin besuchte und sich die Technik zu eigen machte. Ebenso bei der endoskopischen Behandlung der Trichterbrust nach Nuss und der minimal invasiven Chirurgie. Als das Verfahren von Pena die Durchzugsmethoden zur Behandlung von Kindern mit angeborenen Anal- und Rektumatresien ablöste, fuhr er nach New York, um bei Prof. Pena einen entsprechenden Operationskurs zu besuchen.

Herr Engelskirchen liebte es aber auch, sein Wissen weiterzugeben. Er genoss es, jungen Assistenten zu assistieren und in der Schwesternschule zu unterrichten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik schätzten ihn sehr und auch für die Verwaltung wurde er zu einem wichtigen Ansprechpartner. Ganz besonders liebten ihn aber die Kinder und ihre besorgten Eltern. So war er über viele Jahre die „gute Seele" der Klinik.

Auch ich habe Reinold Engelskirchen viel zu verdanken. Man wird als Chefarzt zwar von einem Gremium gewählt, aber zu einem guten Vorgesetzten muss man erst heranreifen. Man lernt von seinen Mitarbeitern, so wie sie von ihrem Chef lernen. Überheblichkeit ist völlig fehl am Platze, denn erst die Kenntnis der Schwächen eines Partners, ihre Akzeptanz und ihr Ausgleich formt eine Arbeitsgruppe zu einem Team. Und nur ein Team kann erfolgreich sein. Manchmal wird ein Chefarzt so, oft nach Jahren, sogar zu einer Vertrauensperson seiner Mitarbeiter. Reinhold Engelskirchen war für mich dabei ein überaus wertvoller, loyaler, umsichtiger, geschickter Mitarbeiter. Aber auch er schätzte glücklicherweise unsere Zusammenarbeit und die Atmosphäre in unserer Klinik. Als ich im Februar 1990 ihm, der damals Funktionsoberarzt war, keine planmäßige Oberarztstelle anbieten konnte, weil von Verwaltungsseite aus keine solche Stelle zu besetzen war, wechselte Herr Engelskichen zum „Marienhospital Herne, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum" zu Prof. Dr. Jürgen Engert. Glücklicherweis wurde jedoch bereits 6 Monate später eine Oberarztstelle in unserem Hause frei und Herr Engelskirchen bat mich, zurückkommen zu dürfen. Ich empfand das als Kompliment für unsere Zusammenarbeit und die Atmosphäre in unserer Klinik. So hatte ich das große Glück, bis zu meinem Ausscheiden aus der Klinik, Ende August 2005, mit diesem engagierten und erfahrenen Mitarbeiter weiter zusammenarbeiten zu können.

Nach seinem Ausscheiden übernahm Herr Engelskirchen die Leitung des Funktionsbereiches Kinderchirurgie der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Mitten im Wiederaufbau dieser Abteilung brach dann seine Krankheit aus, unter der er 7 Jahre litt und der er am 24. Oktober 2013 erlag. Sein Tod war für mich unfassbar. Warum traf ihn dieser Schicksalsschlag und ausgerechnet jetzt auf dem Höhepunkt seiner Karriere? Was hätte er nicht noch alles erreichen können!

Auf der Suche nach einer Antwort auf diese uralte Hiobsfrage, fiel mir das bekannte Gedicht von Rilke ein:

„Der Tod ist groß,
wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
beginnt er zu weinen,
mitten in uns.

Es gibt Philosophen die meinen, man könne in diesen Zeilen das Wort „Tod" mit dem Wort „Gott" ersetzen. Ich glaube das nicht. Gott weint nicht, höchstens über uns, aber auch das wäre zu menschlich gedacht. Mit scheint es richtiger, wenn auch ungleich schwieriger, weil wir dann unser Verhalten ändern müssten, die Frage anders zu stellen: „Warum ich nicht?"

Ich verneige mich vor Reinhold Engelskirchen, vor einem großartigen Arzt und wunderbaren Menschen!

Alexander Holschneider