Erinnerungen an einen historischen Tag

Am 17.11.1990 kam zusammen, was im Geiste nie getrennt gewesen war. Vor 25 Jahren trat die Gesellschaft für Kinderchirurgie der DDR der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie bei.

Chronologischer Abriss:
09.11.1989. Die Mauer war gefallen. Das löste Fesseln.
22. - 24.1.1990. Alljährliches Kinderchirurgisches Symposion in Obergurgl, Österreich. Hier entstand der Plan, beide Gesellschaften zusammenzuführen.

22.02.1990. Abschiedsvorlesung für Professor Hecker (1922-2008), München. Verleihung der FRITZ-REHBEIN-EHRENMEDAILLE. Nach dem kleinen Fest wurden Gespräche mit Professor Meißner (1920-2004) geführt, in denen Inhalte von Obergurgl konkretere Formen annahmen.

17. – 21.04.1990. 107. Kongress der DGCH, der seit dem II. Weltkrieg zum ersten Mal wieder in Berlin stattfand. Zu der am 18.04.1990 anberaumten ordentlichen Präsidiumssitzung der DGKCH, zu er sich die Teilnehmer im Restaurant Seehof am Lietzenzseeufer einfanden, hatte der Präsident, Prof. Daum (1929-2009), den Vorsitzenden der GKCh-DDR, Prof. Gdanietz, eingeladen. Auf dieser Sitzung stellte K. Gdanietz den Antrag auf Übernahme der Mitglieder der GKCH-DDR in die DGKCH. Unter Federführung von Prof. Hofmann v. Kp-herr (1935-2002) wurde eine neue Satzung ausgearbeitet.

13./14.07.1990. Symposion „Fibrinklebung in der Kinderchirurgie" im Klinikum Steglitz. Die neue Satzung wurde diskutiert und für deren Verabschiedung zum 29.08.1990 eine Sitzung beider Präsidien ins Klinikum Berlin - Steglitz einberufen..

30.08. – 01.09.1990. 2. kinderchirurgisches Symposion anlässlich des 100jährigen Bestehens der Kinderchirurgischen Abteilung – Wedding der FU Berlin, Universitätsklinikum Rudolf Virchow (Prof. W. Haße) mit dem Thema: „Funktionsgerechte Chirurgie der Ösophagusatresie. Prof. Daum ging in seiner Rede auf Geschehen des letzten Jahres ein, er sagte: Unsere ausländischen Freunde werden dafür Verständnis haben, wenn ich einen besonderen Gruß an unsere deutschen Kollegen aus der DDR richte. Sie alle wissen, was sich seit der unblutigen Revolution im letzten Jahr getan hat, die es ermöglichte, dass nun unsere deutschen Kolleginnen und Kollegen von drüben Kongresse in der ganzen Welt besuchen können. Es wird nicht lange dauern, bis die beiden deutschen Gesellschaften miteinander verbunden sind.

16. – 19.09.1990. 28. Jahrestagung der DGKCH in Köln. Kongresspräsident Prof. Halsband, Lübeck. Ausschnitt aus der Präsídentenrede: „... Wie Sie alle wissen, hat sich seit dem letzten Kongress etwas vollzogen, was keiner von uns in diesem Jahrhundert erwartet hätte: der Fall der Mauer. Etwas Wesentliches ist zurückgewonnen worden, die Freiheit, ohne die weder die Existenz des Individuums, noch das Leben eines Volkes gedeihen können. Schiller sagt im Gedicht „Der Antritt des neuen Jahrhunderts: ‚Freiheit ist nur in dem Reich der Träume...'. Durch die unblutige Revolution in der DDR ist dieser Traum Wirklichkeit geworden ...". Kurt Gdanietz, Präsident der Gesellschaft für Kinderchirurgie der DDR, der heute unter uns weilt, schrieb mir am 14.08.1990 einen offiziellen Brief, von Präsident zu Präsident, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Ich zitiere:

‚Goethe schrieb 1828: Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde, vor allem sei es eins in der Liebe.' Jetzt, da diese Vision für unsere Tage Wirklichkeit wird, möchte ich, im Namen der Gesellschaft für Kinderchirurgie der DDR, der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie für alle Hilfen, die uns in den zurückliegenden Jahren zuteil geworden sind, unseren tief empfundenen Dank bekunden. [... ] Vielen Persönlichkeiten sind wir zu Dank verpflichtet, still war ihr Handeln. Durch alle Kinderchirurgen der Bundesrepublik Deutschland erfuhren wir jene moralischen Stützen, die halfen, unsere Hoffnung nicht schwinden zu lassen. Das auszudrücken, ist mir besonderes Bedürfnis. Was uns trennte, liegt darnieder, neue Kraft erwächst für die Gemeinschaft... ."

17.11.1990 Nürnberg - Vereinigungstag. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit Mitgliedern der GKCH-DDR wurde die neue Satzung diskutiert und nach über vier Stunden, unter Vorbehalt, per acclamationem, angenommen. Danach wurden die Kollegen der GKCH-DDR unter Vorbehalt in die DGKCH aufgenommen, beide Präsidien aufgelöst. Damit war der Weg frei für die Wahl eines neuen Präsidiums. Bis zur Neuwahl sollte die Geschäftsführung vom alten Präsidenten, Prof. Daum, wahrgenommen werden. Im Vorfeld der Übernahme, wurden die Überleitungsanträge von einer vom Präsidenten benannten Gruppe durchgesehen: Prof. Daum (Präsident DGKCH 1987-1991), Prof. Meißner (Präsident GKCH-DDR 19.10.1985-31.12.1986), ruhendes Mitglied der DGKCH, Prof. Gdanietz (Präsident GKCH-DDR 01.1987-17.11.1990) ruhendes Mitglied der DGKCH, Prof. Bolkenius, Frau Prof. Roth. Prof Daum schloss die Sitzung mit folgenden Worten: „Meine Damen und Herren, wer mich kennt, weiß, dass mir alles Pathetische und Gefühlsduselei fern liegen. Dennoch darf ich Sie bitten, sich angesichts dieser historischen Stunde von Ihren Plätzen zu erheben, denn nach Aufnahme der Mitglieder der Kinderchirurgischen Gesellschaft der ehemaligen DDR, nach Verabschiedung einer neuen Satzung und nach Rücktritt des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie sind beide Gesellschaften auf dem Weg zur Vereinigung."

Kurt Gdanietz