Nachruf auf Prof. Dr. med. Hermann Mildenberger

Am 13. Januar 2018 starb im Alter von 85 Jahren nach langer Krankheit Prof. Dr. med Hermann Mildenberger. Wir trauern nicht nur um den ersten Ordinarius für Kinderchirurgie in Niedersachsen, sondern vor allem um eine außergewöhnliche Persönlichkeit der deutschen Kinderchirurgie. Als Arzt für Kinderheilkunde und Chirurgie hat er diese beiden Elemente der Medizin beispielhaft zusammengeführt.

Nach dem Studium in Tübingen, Göttingen und Marburg und Aufenthalten als Intern und Resident in den USA, setzte Herrmann Mildenberger seine Weiterbildung in Deutschland zunächst in der Kinderklinik der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen fort. Als Facharzt für Kinderheilkunde wechselte er in die Chirurgie, die damals von Hofrat Prof. Dr. Dick geleitet wurde, um sich nach Abschluss seiner zweiten Facharztausbildung ganz der Kinderchirurgie zu widmen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Flach befasste er sich als junger Oberarzt vor allem mit kinderurologischen Krankheitsbildern. Forschungsaufenthalte bei seinerzeit großen Namen der Kinderurologie in Liverpool und London erweiterten seinen Horizont und er habilitierte sich mit einer tierexperimentellen Arbeit zur subvesikalen Obstruktion an der Universität Tübingen.

Die Ernennung zum Chefarzt der Kinderchirurgie am Olgahospital in Stuttgart im Jahr 1975 war der folgerichtige Schritt in der Karriere von Hermann Mildenberger, bevor er 2 Jahre später den Ruf auf die C4-Professur an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erhielt. Die Kinderklinik befand sich damals in der Phase der Gründung und die Kinderchirurgie wurde als fünfte Disziplin in das pädiatrische Zentrum aufgenommen. Die neue Abteilung zog in den gerade fertig gestellten 2. Bauabschnitt ein und wurde mit einem eigenen dezentralen OP-Trakt zu einem integralen Bestandteil der Kinderklinik. An dem Geist der fachlichen und strukturellen Erneuerung der hannoverschen Kindermedizin hatte Prof. Mildenberger somit wesentlichen Anteil.

Hermann Mildenbergers vorrangiges Ziel war der Aufbau und die Etablierung einer modernen klinischen Kinderchirurgie, wobei die Kinderurologie neben der allgemeinen Kinderchirurgie den ersten Schwerpunkt bildete. Die Erweiterung auf das Gebiet der Onkologie folgte rasch. In enger interdisziplinärer Kooperation etablierte sich seine Abteilung als ein Referenzzentrum für pädiatrische Onkochirurgie. Hervorzuheben sind u. a. die Therapieoptimierungsstudie für Kinder mit Lebertumoren sowie ein internationaler Kongress zum Thema Weichteilsarkome im Kindesalter, der 1987 an der MHH ausgerichtet wurde.

Ausgehend von den klinischen Schwerpunkten hat Prof. Mildenberger die Grundlagen für die wissenschaftliche Ausrichtung der Abteilung geschaffen. Klinische und Grundlagenforschung etablierten sich vornehmlich zu den Themen maligne Tumore im Kindesalter und Gallengangatresie, schlossen aber auch andere Themen der Kindermedizin ein. Die wissenschaftliche Leistung von Hermann Mildenberger wird nicht nur durch die Vielzahl von eigenen Publikationen, Buchbeiträgen und Ehrungen belegt, sondern auch durch die seiner Mitarbeiter und Schüler, die ihrerseits auf kinderchirurgische Ordinariate berufen wurden bzw. Leitungspositionen in kinderchirurgischen Kliniken einnehmen.

Ein anderer Aspekt der professionellen Laufbahn von Hermann Mildenberger soll nicht unerwähnt bleiben: Er war immer da, wenn er gebraucht wurde. Als sich die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie im Jahr 1994 schwer tat, sich auf einen neuen Präsidenten zu einigen, warf er unvorbereitet seinen Hut in den Ring und wurde gewählt. Die dann folgende Amtszeit hat er mit demselben Engagement ausgefüllt wie alle seine sonstigen Tätigkeiten auch. Ähnlich verhielt es sich, als die Neubesetzung seiner eigenen Position an der MHH im Rahmen geplanter Neustrukturierungen gefährdet war. Er stellte seine persönlichen Pläne für den nahenden Ruhestand zurück und erklärte sich bereit, seinen Arbeitsvertrag zu verlängern. In den darauf folgenden zwei Jahren konnte er dazu beitragen, die Kinderchirurgie als unverzichtbares Element der Kindermedizin an der MHH zu erhalten und die Neubesetzung des Ordinariats zu gewährleisten.

Durch dieses letzte persönliche Engagement für „seine“ Kinderchirurgie änderte sich zwar kurzfristig seine Lebensplanung, nicht aber seine Begeisterung für viele andere, vor allem schöngeistige Tätigkeiten. Im Ruhestand fand er jetzt wieder mehr Zeit für das Geige-Spielen, das er – wie das Malen - von klein auf betrieben hatte. Gleichzeitig begann er, Skulpturen aus Ton und aus Bronze zu schaffen. Mancher Begünstigte darf stolz sein, Besitzer eines „echten Mildenbergers“ zu sein. Nicht zu vergessen ist der Familienmensch Hermann Mildenberger, der sich gemeinsam mit seiner Frau Annemarie um ihre fünf Söhne und deren Familien gekümmert hat. Auch auf diesem Feld wird er uns als ein Beispiel umfassender Fürsorge in Erinnerung bleiben.

Ein reiches, erfülltes Leben ist nun zu Ende gegangen. Alle, die Hermann Mildenberger kennen lernen durften, werden ihn als exzellenten Kinderchirurgen, fürsorglichen und empathischen Arzt sowie als wahrhaften Menschen in bester Erinnerung behalten.

Claus Petersen
Sylvia Glüer