Gallengangsatresie, Zentralisierung und Lebertransplantation

Berlin/München, März 2019 – Beim Chirurgenkongress 2019 haben Organtransplantation und damit verbundene Fragen einen besonderen Platz. Für die Kinderchirurgie gilt die Organspende als besondere Herausforderung wie der Präsident hier zusammenfasst.

Für das Kindesalter ist die Lebertransplantation nach Gallengangsatresie eine der häufigsten Transplantationsindikationen. Dabei ist die Gallengangsatresie selten und kommt nur in 1:20.000 Neugeborenen vor. Das sind knapp 40 Fälle in Deutschland pro Jahr. Der Pathomechanismus ist unverändert unbekannt, dagegen ist das Behandlungsziel klar: Überleben mit der eigenen Leber, auch, um Spenderorgane zu sparen. Um das zu verbessern, werden z. B. in Großbritannien Patienten mit Gallengangsatresie zentralisiert: in 2004 erfolgte die Reduktion von 15 auf drei Zentren, was das Gesamtüberleben von 84 Prozent auf 90 Prozent, das Überleben mit eigener Leber aber von 30 Prozent auf 46 Prozent ansteigen ließ! Andere europäische Länder mit einer Zentralisation dieser Patientengruppe sind Norwegen, Finnland, Dänemark, Holland und die Schweiz.

In Deutschland zeigte eine Datenerhebung von 2001-2005, dass 29 Kliniken die sog. Kasai-OP angeboten haben. Bei dieser Operation wird – nach Entfernung des narbigen Rests der außerhalb der Leber verkümmerten Gallenwege – eine Dünndarmschlinge so an die sog. Leberpforte angeschlossen, dass Galle abfließen kann, sofern die Gallenwege in der Leber ausreichend funktionieren. Das Überleben lag bei 83 Prozent aller Kinder. Wurden diese Kinder in einer der sieben Kliniken mit mehr als fünf Patienten pro Jahr betreut, überlebten 26,4 Prozent mit eigener Leber; hatte die Klinik Erfahrung mit weniger als fünf Patienten pro Jahr, sank diese Quote auf 7,7 Prozent. Insgesamt 118 von 183 Kindern wurden lebertransplantiert. In einer aktuellen Überprüfung der Situation (2010-2015) hat sich die Zahl der „Anbieter“ bereits auf 15 reduziert, 11 Kliniken betreuen weiterhin weniger als fünf Patienten im Jahr, nur vier Kliniken mehr als fünf Patienten. Transplantationen erfolgen in sieben Zentren.

Diesen Weg weiter zu gehen, verspricht ein höheres Überleben mit der eigenen Leber, ein Einsparen vermeidbarer Lebertransplantationen und einen sorgsamen Umgang mit den wenigen Spenderorganen. Zudem kommt hier ein ökonomischer Aspekt in die Diskussion, da die Behandlungskosten zehn Jahre nach einer erfolgreichen Kasai-Operation bei 18.000 Euro liegen, nach einer Lebertransplantation bei ca. 150 000 Euro.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie arbeitet deshalb aktuell an einem Plan, Neugeborene mit Gallengangsatresie an fünf Zentren zusammenzuziehen. Hierbei muss natürlich neben der fachlichen Expertise an den Wunsch der Familien nach einer wohnortnahen Behandlung gedacht werden. Andererseits sollen die Patienten in diesen Zentren ggf. bis zur und einschließlich der Transplantation betreut werden. Hierzu bedarf es natürlich nicht nur der chirurgischen, sondern auch der pädiatrisch-gastroenterologischen Qualifikation.

Was aussieht wie die Quadratur des Kreises, lässt sich – wie in Großbritannien gezeigt – durchaus umsetzen. Dort hat ein staatliches Gesundheitswesen für die Entscheidung gesorgt. Hier in Deutschland müssen wir es – wollen wir nicht auf die Karte „Mindestmenge“ und den Gemeinsamen Bundesausschuss setzen – aus Einsicht und eigenem Antrieb schaffen. Dazu rufe ich als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie auf und weiß, dass ich von vielen, aber nicht allen Mitgliedern unserer Fachgesellschaft unterstützt werde. Ich bin nachdrücklich dafür, dass wir das selbst regeln, bevor es andere für uns tun. Damit – und damit schließt sich der Kreis – am Ende der das Lebertransplantat bekommt, der es wirklich benötigt.

Prof. Dr. med. Peter Schmittenbecher
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie

Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie

Gegründet im Jahr 1963, schafft die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) bis heute Grundlagen für eine bestmögliche kinderchirurgische Versorgung in Deutschland. Dazu gehören Neugeborenenchirurgie, allgemeine Kinderchirurgie und Kindertraumatologie ebenso wie Kinderurologie. Die DGKCH vertritt das Fach in allen wissenschaftlichen, fachlichen und beruflichen Belangen. Derzeit praktizieren hierzulande Fachärzte für Kinderchirurgie in mehr als 80 kinderchirurgischen Kliniken, Abteilungen und als Niedergelassene. Kinderchirurgie gehört in die Hände von Kinderchirurgen. Denn ihre Patienten sind keine kleinen Erwachsenen. 

E-Mail: presse(at)dgkch.de

Pressesprecher: 
Dr. Tobias Schuster, Augsburg

Direkte Ansprechpartnerin Presse:
Frau Julia Weilbach
Tel.: +49 (0)30 28 00 43 61